Der Moment, in dem Pflege zum Thema wird, kommt für viele Menschen unerwartet. Eine Diagnose, ein Sturz, ein schleichender Verlust von Selbstständigkeit – und auf einmal stehen Betroffene und ihre Angehörigen vor einer Vielzahl von Fragen: Was bedeutet Pflege im Alltag? Welche Hilfsmittel sind für mich notwendig? Und wie kann ich mein Zuhause darauf vorbereiten? Genau hier setzt ein innovatives Projekt des AWO-Zentrums des Bezirksverbands Oberbayern in Freilassing an: die Netzwerkoase.
Mit der Netzwerkoase ist ein Ort entstanden, der bewusst anders gedacht ist. Kein klassisches Pflegeheim, keine reine Kurzzeitpflege, sondern vielmehr ein Raum zum Ausprobieren, Lernen, Entlasten und Ankommen in einer neuen Situation. Seit 2025 können Pflegebedürftige und ihre Angehörigen hier für mehrere Wochen gemeinsam erleben, wie sich eine zukünftige Pflegesituation gestalten lässt – und das in einer Umgebung, die gleichzeitig Orientierung und Erholung bietet.
„Vorbild für die Netzwerkoase war das von der Caritas geführte Pflegeübungszentrum (PÜZ) in Mellrichstadt in Unterfranken“, erzählt Nicole Neubauer, Einrichtungsleitung des AWO-Zentrums in Freilassing. In engem Austausch mit den dortigen Kolleg*innen entstand so mit der Netzwerkoase der zweite Ort deutschlandweit, an dem ein solches Angebot derzeit zu finden ist.
Pflege üben in geschütztem Rahmen
Im Kern basiert das Konzept der Netzwerkoase auf einer ebenso einfachen wie wirkungsvollen Idee: Pflege soll nicht erst dann verstanden werden, wenn sie bereits im Alltag angekommen ist, sondern vorher – in einem geschützten Rahmen. Für circa drei Wochen haben Gäste die Möglichkeit, sich schrittweise an neue Lebensumstände zu gewöhnen, Unsicherheiten abzubauen und praktische Erfahrungen zu sammeln.
„Wir haben den Zeitraum auf rund drei Wochen ausgelegt, da unsere Gäste in der ersten Woche erst einmal zur Ruhe kommen und sich orientieren sollen. In der zweiten Woche wird dann gemeinsam genauer hingesehen, was sie für ihre individuelle Situation benötigen“, berichtet Nicole Neubauer. „In der dritten Woche können neue Abläufe verfestigt werden. Falls die Wohnung im Anschluss frei ist, ist auch eine Verlängerung des Aufenthalts möglich.“
Individuelle Lösungen
In der Netzwerkoase wird nicht nur theoretisch beraten, sondern vor allem praktisch gearbeitet. Betroffene testen Hilfsmittel wie beispielsweise Pflegebetten, probieren den Alltag in einer barrierearmen Umgebung aus und erleben, wie sich Tätigkeiten wie Kochen, Aufstehen oder Körperpflege unter veränderten Bedingungen anfühlen. Auch bauliche Anpassungen – etwa eine höhenverstellbare Küche – können vor Ort erprobt werden.
Diese Form des Pflegeübens ist ein zentraler Bestandteil des Konzepts. Viele Entscheidungen müssen im häuslichen Umfeld später schnell getroffen werden – nicht selten mit hohen Kosten verbunden. „Die Netzwerkoase bietet die Möglichkeit, solche Entscheidungen fundiert und ohne Zeitdruck vorzubereiten“, berichtet die Einrichtungsleitung. Das reduziert nicht nur Fehlkäufe, sondern stärkt auch das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit – für Pflegebedürftige und Pflegende.
Ein Ort für Erholung
Gleichzeitig verfolgt das Projekt einen zweiten, ebenso wichtigen Ansatz: Es verbindet Pflege mit Erholung. Unter dem Motto „Urlaub mit Pflege“ können Familien hier gemeinsam Zeit verbringen, ohne auf Sicherheit und Unterstützung verzichten zu müssen. Die Räume sind wie eine Ferienwohnung gestaltet, jedoch komplett auf pflegebedingte Bedürfnisse ausgerichtet. Was zunächst ungewöhnlich klingt, entpuppt sich als große Stärke. Denn Pflege ist oft mit Anspannung, Organisation und Belastung verbunden – besonders für Angehörige. Die Netzwerkoase schafft bewusst einen Gegenpol: eine Atmosphäre, die Ruhe zulässt, Perspektiven eröffnet und den Blick wieder auf die gemeinsame Lebensqualität lenkt.
Ein weiterer entscheidender Unterschied zu klassischen Angeboten liegt in der Pflegestruktur. „Die Netzwerkoase ist ambulant organisiert. Das bedeutet, dass Angehörige aktiv eingebunden sind und häufig sogar mit vor Ort wohnen“, sagt Nicole Neubauer. Eine Rund-umdie- Uhr-Versorgung wie in stationären Einrichtungen gibt es bewusst nicht. Stattdessen steht die Selbstständigkeit der Betroffenen im Vordergrund – ergänzt durch ein unterstützendes Netzwerk aus Pflege- und Beratungsangeboten.
Pflege innovativ neugestaltet
Gerade diese Mischung macht den innovativen Charakter des Projekts aus. Die Netzwerkoase verbindet verschiedene Welten, die im Pflegesystem oft getrennt gedacht werden: praktische Schulung, individuelle Beratung, ambulante Versorgung und Erholungsangebot. Daraus ist ein Modell entstanden, das früh ansetzt – nämlich genau in der Phase, in der Orientierung und Sicherheit am dringendsten gebraucht werden.
Die Vorteile für die Beteiligten sind vielfältig. Pflegebedürftige gewinnen Selbstvertrauen, weil sie aktiv in die Abläufe eingebunden sind und ihre Möglichkeiten realistisch einschätzen können. Angehörige wiederum lernen, was im Alltag tatsächlich auf sie zukommt – und wo Unterstützung notwendig ist. Gleichzeitig entsteht Raum für Gespräche, Planung und das gemeinsame Entwickeln von Lösungen.
„Wir hatten beispielsweise einen Herrn als Gast in der Netzwerkoase, der zwischen seinem Aufenthalt im Krankenhaus und des anschließenden Aufenthalts in einer Reha-Klinik die Überbrückungszeit nutzte, um sich mit der neuen Situation vertraut zu machen“, berichtet Nicole Neubauer. „Für die kommenden Wochen ist die Wohnung auch bereits gebucht. Die Dame hat einen Zeitungsartikel über unsere Eröffnung gelesen und möchte ausprobieren, ob sie mit entsprechenden Hilfsmitteln noch allein zu Hause leben könnte oder ob der Umzug in ein Seniorenzentrum für sie sinnvoller ist.“
Mehr Selbstbestimmung durch gute Vorbereitung
Das Konzept trägt somit nicht zuletzt dazu bei, die häusliche Pflege langfristig zu stärken. Denn wer gut
vorbereitet ist, kann länger selbstbestimmt zu Hause leben – ein Ziel, das für viele Menschen von großer Bedeutung ist. „Drei bis sechs Monate nach ihrem Aufenthalt bei uns besuchen wir die ehemaligen Gäste noch einmal bei ihnen zu Hause, um zu schauen und zu erfragen, wie es ihnen nachhaltig ergangen ist und ob es noch Anpassungswünsche gibt“, erklärt die Einrichtungsleitung.
Dass das Projekt mit Haushaltsmitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie des Landratsamts Berchtesgadener Land gefördert wird, unterstreicht seinen Modellcharakter und seine Bedeutung für die Pflege der Zukunft. So ist die Netzwerkoase weit mehr als nur ein neues Angebot. Sie ist ein Perspektivwechsel: weg von der reinen Versorgung, hin zu einem aktiven, lernenden und präventiven Umgang mit Pflege. Ein Ort, der zeigt, dass sich Herausforderungen besser bewältigen lassen, wenn man ihnen nicht allein und unerwartet begegnet – sondern vorbereitet, begleitet und in einer Umgebung, die Raum zum Durchatmen und Durchdenken lässt.
Alexa Dinauer
Fotos © AWO-Zentrum Freilassing
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